Von Tüchern und Schals, die sich anfühlen wie eine Umarmung
Wir haben mit Melanie Berg von Mairlynd über Selbstwirksamkeit, ihr Engagement für die Brustkrebsfrüherkennung und ihre Liebe zu Tüchern und Schals gesprochen.
Wie alles begann – Zeit für Ideen und Familienzuwachs
Melanie Bergs Strickreise begann vor rund 15 Jahren mit der Geburt ihrer drei Kinder und einer beruflichen Auszeit. Seitdem ist viel passiert: Aus kleinen Babypullis ist eine umfangreiche Sammlung an Tüchern, Schals und Pullovern geworden, wobei es ihr vor allem Tücher und Schals angetan haben. Inzwischen hat sie nicht nur zahlreiche Bücher und Anleitungen veröffentlicht, sondern mit den Row Maps auch eine ganz neue Art entwickelt, Strickende sicher durch jede Reihe ihrer Anleitungen zu führen. Außerdem liebt es Melanie, ihr geballtes Strickwissen an die kreative Community weiterzugeben, und führt regelmäßig Workshops und Strick Klassen durch.
Knit is for Power: Halt finden, Masche für Masche
Für Melanie ist Stricken so viel mehr als die bloße Aneinanderreihung von Maschen. Stricken hat ihr durch schwere Zeiten geholfen und kann, so ist sie überzeugt, auch andere Menschen dabei unterstützen, Selbstwirksamkeit und Entspannung in herausfordernden Lebenssituationen zu erfahren. Mit dem Buch „Knit is for Power“ hat Melanie ein Herzensprojekt umgesetzt, in dem nicht nur sie, sondern auch zahlreiche andere Strickdesignerinnen über die Bedeutung des Strickens in ihrem Leben berichten. Auslöser für das Buch war Melanie Bergs mittlerweile durchgestandene Brustkrebserkrankung, die ihr Leben schlagartig verändert hat.
„Dann wird einem einfach der Boden unter den Füßen weggezogen und auf einmal fühlt man sich nicht mehr aktiv, wie in einem komischen Paralleluniversum. Mit dem Stricken hatte ich zumindest in einem Bereich noch die Kontrolle und das Gefühl, dass ich selbstständig Entscheidungen treffen kann. Dass ich noch immer ich bin.“
Diese Selbstwirksamkeit, so erzählt sie uns, hat dazu beigetragen, dass sie gut durch die kräftezehrende Zeit ihrer Erkrankung gekommen ist. Nun möchte sie ihre Erfahrungen mit anderen Menschen teilen und sie dazu ermutigen, das Stricken und seine positiven Eigenschaften in ihr Leben zu lassen.
Power und Farbe in jeder Masche
Mairlynds Tuch Ashburn besticht nicht nur durch seinen asymetrischen Schnitt, sondern auch mit seinen ausdrucksstarken Farben und feinster Cashmere-Wolle. Auch das Tuch Drachenfels verfehlt seine Wirkung nicht und ist leichter zu stricken, als die abwechslungsreichen Muster vermuten lassen.
Ein Tuch wie eine Umarmung
Wie sehr Melanie das Thema bewegt, zeigt auch ihr persönliches Engagement für mamazone und Pink Ribbon Deutschland. Für beide Brustkrebsorganisationen hat sie Strickanleitungen geschrieben, die Frauen Trost spenden und ein Zeichen setzen sollen.
Für mamazone hat Melanie das Umarmungstuch entworfen. Die Idee dafür kam ihr kurz nach ihrer Krebsdiagnose zusammen mit Biggi Welter, Vorstandsmitglied von mamazone und selbst Strickerin. „Wir wollten aus der Situation das Beste machen und was lag da näher als ein Tuchdesign.“ Das Umarmungstuch spendet, wie schon der Name verrät, eine Umarmung, Hoffnung und Wärme für eine Frau, die sich in einer Chemotherapie befindet.
Das Tuch ist aus 25 Dreiecken zusammengesetzt und ganz einfach nachzustricken – so können bereits Anfängerinnen die kostenlose Anleitung mühelos umsetzen und einer Frau mit Brustkrebs Geborgenheit und Zuversicht schenken. Dabei bleibt jeder strickenden Person selbst überlassen, ob sie das Tuch eigenständig zusammensetzt oder die einzelnen Dreiecke an mamazone schickt, wo diese zusammengehäkelt und anschließend an die Patientinnen übergeben werden.
Durch ihre eigenen Erfahrungen liegt Melanie das Thema Vorsorge sehr am Herzen. „Viel zu oft schiebt man diese vor sich her. Ein zutiefst menschliches Verhalten.“, wie Melanie sagt. „Deshalb ist es wichtig, immer wieder auf die Früherkennung mit Aktionen aufmerksam zu machen und offen darüber zu sprechen. Denn damit kann man einfach richtig viel ausrichten.“ Mit der Anleitung für den „Pink is for Power“-Pullover will sie genau das erreichen.
In seinem knalligen Pink und mit dem charakteristischen Schleifenmuster ist er ein modisches Statement, das Bewusstsein schafft und seine Trägerin an die Vorsorge erinnert. Das besondere an Melanies Pullover: Die gesamten Einnahmen aus dem Verkauf der Strickanleitung werden jeden April an die Organisation Pink Ribbon Deutschland gespendet, die sich aktiv für die Brustkrebsvorsorge und -früherkennung einsetzt.
Warum Tücher & Schals Freiheit bedeuten
Tücher und Schals zu stricken, bedeutet für Melanie Freiheit. Denn Tücher sind nicht nur ein wunderbar vielseitiges Accessoire, sondern lassen auch Experimente zu. „Mit Tüchern kann man neue Sachen ausprobieren und muss sich nicht sorgen: Passt mir das nachher? Ob das Tuch ein bisschen größer oder ein bisschen kleiner wird, ist ganz egal. Für Melanie steht fest: „Beim Stricken sollten der Spaß und die Entspannung im Vordergrund stehen.“ Genau diesen Maßstab legt sie auch an ihre Designs an.
Die Wolle gibt den Takt vor
Am Anfang von Melanies Designs stehen die Wolle und ihre Eigenschaften. Denn für Melanie kann das perfekte Strickstück nur dann entstehen, wenn Material und Entwurf sich harmonisch ergänzen.
„Ich fange immer mit der Wolle an und schaue, welche Farben verfügbar sind, was für ein Fall und was für eine Stärke sie hat. Auch die Frage nach der Kratzigkeit oder Weichheit ist entscheidend, denn meine Designs sollen viele Menschen ansprechen. Im Anschluss stricke ich eine Maschenprobe und erst dann mache ich mich auf die Suche nach Ideen.“
Inspiration findet Melanie eigentlich überall. „Ich glaube, wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht man ganz viel, was man mitnehmen kann, um etwas Neues zu erschaffen.“ Kreativität ist aber auch Übungssache, wie sie anmerkt. Deshalb zeichnet Melanie viel, macht verschiedenste Maschenproben und probiert Ideen kurzerhand aus. Denn:
„Einfach zu warten, bis einen die Muse küsst, funktioniert eher selten. Ins Machen zu kommen, bringt neue Einfälle, die wiederum zu anderen Ideen führen. So entsteht ein kreativer Prozess, an dem man stetig weiterarbeiten kann.“
Ein gutes Beispiel, wie Material und Inspiration eine perfekte Symbiose eingehen können, ist Melanies Open Waters Shawl. Das Wellen- und Lochmuster erinnert an die unverkennbare Maserung eines Walhais und den wiegenden Ozean. Das fließende leichte Garn aus Alpaka, Merino und Bambus sorgt für einen guten Fall und bringt die Strukturen klar zur Geltung.
Jedes Tuchdesign trägt ihre Handschrift
Fragt man Melanie nach der persönlichen Handschrift ihrer Tücher, hat sie eine klare Antwort: Sie sind modern, alltagstauglich und leben von den Details. Neben auffallenden grafischen Mustern experimentiert Melanie viel mit unterschiedlichen Farben und Texturen. Eine Zeit lang waren es vor allem erdige Grau- und Ocker-Töne gewesen, mittlerweile verstrickt sie auch Farben, die sie noch vor ein paar Jahren niemals in ihrer Farbpalette vermutet hätte. „Aber genau das ist ja das Schöne am Stricken, dass man sich nicht festlegen muss. Weder bei der Farbe noch beim Garn oder bei der Garnstärke.“ erzählt sie.
Außerdem entwirft sie nur Designs, die sie auch selbst tragen würde und bei denen sie Freude beim Stricken empfindet.
„Der Strickprozess soll Spaß machen. Wir sitzen Stunden über Stunden mit dem Projekt auf unserem Schoß da und das soll keine Qual sein.“
Damit das Stricken zu einem positiven und entspannenden Erlebnis wird, lässt Melanie alle ihre Designs vor der Veröffentlichung teststricken und arbeitet so lange an den Anleitungen, bis sie für jeden leicht verständlich und fehlerfrei sind. „Dieser Prozess kann schon mal ein paar Wochen in Anspruch nehmen, aber das ist okay für mich.“, erzählt sie.
„Diese kleinen Details sollen es der strickenden Person leicht machen, damit sie beim Stricken abschalten kann und trotz der einfachen Anleitung ein tolles Endprodukt nachher bekommt.“
Außerdem, erzählt Melanie, ist es immer wieder spannend zu sehen, welche Farben und Garnvarianten die Teststrickenden verwenden.
Luftig leichte Tücher von Mairlynd
Gönne dir eine federleichte Umarmung aus einem Mohair-Mix mit dem Tuch Matcha Mood oder träume dich in eine Winterlandschaft mit dem Tuch Schnee.
Row Maps – „Wie ein GPS für die Strickanleitung“
Wenn Melanie über die Row Maps spricht, merkt man ihre Begeisterung in jedem Wort.
„Die Row Map kann man sich wie eine Checkliste vorstellen, die einen Schritt für Schritt durch die Strickanleitung begleitet. Jede Reihe wird abgestrichen und es wird genau erklärt, was als Nächstes zu tun ist und welche Farbe an der Reihe ist. So verliert man nie den Überblick und kann zu einem späteren Zeitpunkt wieder den Faden aufnehmen.“
Die erste Row Map entwickelte Chad Lewis, ein Strickdesigner aus Toronto, der dort ehrenamtlich in einem Krebszentrum als Stricklehrer tätig ist. Durch die Chemotherapie sind bei vielen Patienten die Konzentrations- und Merkfähigkeit eingeschränkt. Für dieses Phänomen gibt es sogar ein eigenes Wort – das „Chemo-Brain“, wie Melanie erklärt. Um die positiven Aspekte des Strickens auch für Krebspatienten zu einem bereichernden und entspannenden Erlebnis zu machen, entwickelte Chad deshalb seine erste Row Map und teilte seine Idee mit ihr. Melanie erkannte direkt den Mehrwert, sodass es mittlerweile die Row Maps zu fast jeder ihrer Anleitungen gibt. Die positive Resonanz auf die Row Maps war für Melanie und Chad überwältigend.
„Wir hatten Menschen in Chemotherapie im Fokus. Und als wir dann die Row Maps verfügbar gemacht haben, haben uns so viele Menschen kontaktiert. Eine Person schrieb: ‚Ich habe keinen Krebs, aber ich leide unter Schlaflosigkeit.‘ Eine Frau erzählte mir, dass sie gerade ihren Mann verloren habe und sich in der Trauer nur schwer konzentrieren kann. Auch Mütter mit kleinen Kindern sprachen uns ihren Dank aus – als dreifach Mama konnte ich das natürlich bestens nachvollziehen.“
Mit den Row Maps entstand auch eine tiefe Freundschaft zwischen Chad Lewis und Melanie, die über Landesgrenzen hinweg seit vielen Jahren besteht.
Gemeinsam zum perfekt sitzenden Strickstück
Wie sehr das Stricken Melanies Leben bestimmt, zeigt sich nicht nur in ihren unzähligen Anleitungen. Über die Jahre hat Melanie ihr Handwerk perfektioniert und liebt es, ihr Wissen mit der Community zu teilen. Deshalb gibt sie Workshops zu nützlichen Strick-Hacks, der richtigen Farb- und Materialwahl und hat vor Kurzem die Strick Klasse gegründet. In Online-Kursen begleitet sie Strickanfänger und Fortgeschrittene auf ihrem Weg zum perfekten Strickstück und gibt hilfreiche Tipps, die sie selbst gerne am Anfang ihrer Strickkarriere gewusst hätte.
„Die Strick Klasse ist ein Programm, wo alles drin ist, wo man Schritt für Schritt durchgeführt wird. Das ist ein Projekt, das ich einfach total liebe, wo ich voll dahinter stehe und das mir große Freude macht.“
In ihrer 12-monatigen Masterclass lernen die Teilnehmenden ihre Strickstücke zu perfektionieren und individuell anzupassen. So halten die Strickenden am Ende nicht nur ein Unikat in den Händen, sondern haben auch einen großen Wissensschatz gewonnen, den sie für zukünftige Strickprojekte anwenden können.
Weil gut sitzende Strickpullover kein Zufall sind
Hier findest du Melanies Strickhacks, die dein Strickerlebnis noch besser machen.
Dicht und fein im Herzstück, nach außen immer offener und klar strukturiert: Das Slow Dance Tuch lebt von einem Rhythmus, der sich langsam in die Weite öffnet.
Das Slow Dance Tuch ist ein leichtes Tuch aus Silk Mohair und Seide, das sich bei jeder Bewegung anschmiegt. Mit seinem modernen, geradlinigen Design ist es nicht nur zeitlos schön, sondern auch vielseitig kombinierbar. Das wiederkehrende, eingängige Muster erlaubt es der strickenden Person, in einen Flow zu kommen und richtig zu entspannen. Für Melanie ist es das ideale Tuch für den Sommer: luftig leicht und wärmend, aber niemals zu schwer.
Das brauchst du für die Anleitung
Und was hat Melanie sonst noch auf den Nadeln?
Bei Melanie sind die Nadeln stetig am Klappern. Aktuell arbeitet sie an einem Oberteil mit einem aufwendigen Ährenmuster, das bald in den Teststrick geht. Spätestens im Herbst wird es die Anleitung zum Wheatheart-Oberteil geben – wir dürfen also gespannt bleiben und uns auf mehr von Melanie freuen.
Ihr habt jetzt richtig Lust bekommen eins von Melanies Tüchern zu stricken?
Hier drunter findet ihr alle Anleitungen sowie Tipps und Tricks für euer nächstes Strickprojekt von Melanie. Wir sind wie immer gespannt auf eure Kreationen und freuen uns, wenn ihr fleißig Fotos macht und diese mit der Lieblingsgarncommunity mit dem Hastag #lieblingsgarn teilt.
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